Kinderwunsch
Auteur : Nathalie Delafond 19/01/2003
Estelle ist schwanger. Von wem? fragen Sie. Natürlich von X, ihrem Lebensgefährten! Sie liebt Kinder und verpasst keine Gelegenheit, um sich um ihren Patensohn zu kümmern. Ein Kind? Seit Jahren träumte sie davon. Aber weil sie davon überzeugt war, dass ihre Gesundheits- und Rückenprobleme und ihr Übergewicht es ihr verbaten, träumte sie davon - wie von einem Wunsch, der unbefriedigt bleiben sollte.
Und da ist sie schwanger!
Doch es treten Übelkeit und Erbrechen auf, die immer stärker werden. In ihrem Umfeld ist man besorgt um sie: es folgen also Untersuchungen, Krankenhausaufenthalte. Ich sage mir, dass Estelle - in ihrer potentiellen Mutterkraft - den Ärzten, die vor einem Rätsel stehen, schwer zu schaffen macht.
Ich stehe übrigens auch vor einem Rätsel. Wegen ihrer Ängste und ihrer Heisshungerkrisen kam Estelle in meine Praxis, aber sie hat ein grosszügiges, mütterliches Temperament. Weshalb versetzt diese Schwangerschaft sie in diesen Zustand? Ich frage sie also und dies ist ihre Antwort: Sie hatte einen Traum, sie war im Meer (mer). In der Mutter (mère)? Aber in der Mutter ist doch das Baby! Doch wer ist sie also, wenn sie in der Mutter ist ?
Das ist also die Angst: d. h., dass es ihr unmöglich ist, eine subjektive Position in dieser neuen Ausgangssituation, die durch die Wirklichkeit ihrer Schwangerschaft eingeleitet wurde, einzunehmen. Um subjektiverweise am Platz einer Mutter zu sein, müsste sie gewissermassen auf den Platz eines Babys verzichten. Aber alles läuft so ab, als ob sie – ohne es zu wissen – niemals auf diesen Platz verzichtet hätte.
Übrigens, es stimmt: sie hat nie das Elternhaus, in dem sie geboren ist, verlassen – doch ist sie geboren? In dem Haus lebt sie zur Zeit mit X. Und es beruhigt sie nur die Gegenwart ihrer Mutter, wenn die Angst da ist.
Worauf beruht also ihr Kinderwunsch, der sie belebte? Auf dem Wunsch, ein Kind zu haben? Oder eins zu sein, weiterhin zu sein? Das heisst, darauf, dass es ihr unmöglich ist, zu sein, zum Begehren zu kommen, wenn das Begehren kein einfacher Wunsch ist, ein Verlangen, sondern vielmehr dieser radikale Mangel, der das Subjekt belebt, und der aus dem Mangel des Anderen hervorgeht. Diesen kann man auffinden als das, was der Mutter fehlt. Das wird hier verdeckt von dem, was Estelle, ohne es zu wissen, nicht verzichtet hat, zu sein.
Notes
Übersetzung von Anne Ropers
